Deutsch

Dr. Gudrun Bott
Splitter

Essay

FIH - Field Institute
Hombroich-Raketenstation
Museum Insel Hombroich

2012

◀ TEXTE

Die Suche nach umfassenden Erklärungsmodellen oder gar universal gültigen Prinzipien war gestern, als Philosophie, Religion und Wissenschaft übergreifende Gesetzmäßigkeiten und Regelwerke aufstellten und die Schall-Grenze ausufernder Komplexitätserfahrung noch zu fern war, um an ihr zu kapitulieren.

Dennoch folgen wir mit der digitalen Durchdringung unserer Lebenswelt einer Mutmaßung, komplexe Zusammenhänge könnten in der Reduktion auf ihren Informationsgehalt von binären Codes erfasst und darstellbar werden. Und mathematisch entwickelte Algorithmen könnten komplexe Fragestellungen berechenbar und entscheidbar machen. Dies obwohl unsere historisch gewachsene und wissenschaftlich begründete Einsicht in die Funktionsweisen nichtlinearer Dynamik gleichzeitig die totale Beherrschbarkeit von Systemen als Fiktion darstellt.
Solche Widersprüche in einem subjektiven Gedankenkosmos zu spiegeln und in eigene Bilder zu fassen, markiert das Potential der Kunst, wenn sie sich – wie in den Arbeiten von Judith Kleintjes – der Eigenwertigkeit von Zwischenräumen und Spannungsfeldern jenseits eindimensionaler Aussagen widmet.

Gleichwohl die Künstlerin sich in unterschiedlichen Medien bewegt, ist die Linie ihr zentrales Mittel. Deren leichte, schlichte und unmittelbare Spur entfaltet seismographische Qualitäten im Oszillieren zwischen innerer und äußerer Bewegung. Mutet eine solche Behauptung zunächst romantisch an wie aus einer Welt lange vor dem digitalen Zeitalter,so begründet die Betrachtung der Arbeiten doch konkrete Erfahrungen auf dem Weg unmittelbarer, sinnlicher Wahrnehmung.

In Judith Kleintjes’Zeichnungen und Skulpturen fordert die tastende,suchende,umkreisende Linie dazu auf, im Vertrauen auf ein suggeriertes Abbildungsversprechen ihren Bewegungen und Verläufen zu folgen. Dabei erzeugt sie in Annäherung an vertraute Natur- oder Körperfor-men unentwirrbare Verdichtungen und Geflechte bzw. vibrierende Überlagerungen,in denen sich dann der „Faden“ unweigerlich verliert. Anfang und Ende sind nicht mehr auszumachen, die Linie wird zum autonomen Movens, die den Bildgegenstand eher einspinnt als ihn zu fassen bekommt.Im rituellen Kreisen der Linie oder in der schwebenden Präsenz körperhafter Fragmente gerät Einfaches unüberschaubar, Heiteres düster, Winziges monumental, Zartes bedrohlich, Leichtes schwer.

Hier spiegelt sich im Verhältnis von einfachem Prinzip und komplexem Ergebnis ein zentrales Anliegen der Künstlerin.Was auf der motivischen Ebene immer wieder als bildhafter Verweis auf Prozesse der Metamorphose aufscheint, erweist sich im Kern als eine Suche nach Bildern für die Ambivalenz und Unbeständigkeit aller Erscheinungen, Prinzipien, Zustände. Wobei die Sensibilität und Feingliedrigkeit der Bildsprache von Judith Kleintjes ebenso wie ihr behutsamer Einsatz der Farbe ihre Arbeiten wie kostbare Konzentrate wirken lassen,die nicht Gefahr laufen,sich im Chaos zu verlieren.In der Zusammenschau ergeben sie die Kartographie einer Suche – reduziert und präzise, aber offen in einem poetischen Sinne.

In den Arbeiten von Judith Kleintjes scheint etwas auf, das alltägliche Normalitäten und Ordnungsmuster überschreitet.Sie vermitteln eine Ahnung von der Fragilität des vermeintlich Stabilen,von der Verwundbarkeitmentaler und körperlicher Unversehrtheit,von der Auflösung des Sichergeglaubten. Dies nicht als katastrophalen Ausnahmefall, sondern als kreatürliche Bedingung zu begreifen, könnte eine Erfahrung in der Begegnung mit den Werken der Künstlerin darstellen.