Deutsch

Frank Schablewski
und die stille hat überall türen

Zur Ausstellung und Buchpräsentation
‘brev i april / brief in april’
Inger Christensen

Mai 2014

◀ TEXTE

Die Künstlerin Judith Maria Kleintjes erschafft Objekte, Zeichnungen und Malereien. Ihre Arbeit zeigt den Gegenstand und die Figur in ihren unterschiedlichsten Ausmaßen. Menschliches, Pflanzliches, Landschaftliches wie Elementares verbindet sich in ihren Werken zu einer erlebbaren, inneren Einheit. Die bildnerischen Elemente, die ihre Motive darstellen, wollen aber mehr, als nur sich selbst bedeuten: Sie sind nicht nur das, was sie sind, sie scheinen auch. So bewusst unkompliziert die hier gezeigten Zeichnungen äußerlich wahrnehmbar sind, sollen sie über das konkret Sichtbare hinauswirken und vielschichtige Bezüge herstellen und auch provozieren. Das Wort „konkret“ bedeutet ja vor Allem zusammenwachsen, sich bilden, entstehen, Verdichtung. Vor den Augen des Betrachters wirken derart Köpfe, Häupter, Hände, Blütenhaftes, Blätterartiges, Horizontales und Baumartiges über sich hinaus, als suche die Judith Maria Kleintjes die Wirklichkeit ihrer Motive im Unbewussten, als verwerte sie Traum- und Rauscherlebnisse, somnambule und hypnotische Zustände, um an die Bildwirklichkeit in ihrer Kunst heranzukommen. Das sind surreale Insignien, also Zeichen und Abzeichen. Man muss davon ausgehen, dass gerade Künstler in ihrer Sensibilität und Möglichkeit der ästhetischen Äußerung, die Fähigkeit und die Gelegenheit besitzen, diese Zustände einer Nachtwandlung in Kunstwerke umzusetzen. Dieser visionäre Aspekt, der das Irrationale berührt, also das mit dem Verstand nicht fassbare, setzt auf die Emotion, auf das Berührende, Bewegende, das Innere, die Stille.

Diesen ästhetischen Ansatz wandelt Judith Maria Kleintjes mit den unkompliziertesten Materialien um: Sepia, dieser braun- bis grauschwarzer Farbstoff, der aus dem Tintenbeutel von Tintenfischen (Sepien) gewonnen wird; rote Liebestinte, die mit Rosenöl versehen ist; Krapprot, das eine hohe Lichtbeständigkeit besitzt, wurde besonders für Kopfbedeckungen und Uniformen verwendet, wegen seiner Waschbeständigkeit. Die Zeichnungen vervollkommnet die Künstlerin mit Graphitstiften. Man möchte meinen, dass diese künstlerische Entscheidung von Judith Maria Kleintjes ein Ergebnis ihrer akademischen Ausbildung ist. Sie besitzt den Rang einer Meisterschülerin von Jannis Kounellis. Die Gruppe Arte Povera, zu der Kounellis gehörte, erlangte dadurch Anerkennung und Berühmtheit, mit alltäglichen Materialien höchst ästhetische Artefakte zu schaffen.

So entfaltet sich die Wirkung der Zeichnung von 2014, die die Einladungskarte für die Ausstellung von Judith Maria Kleintjes zeigt. Mit dieser graphischen Arbeit scheint ein Kopf dargestellt zu sein, gewachsen aus Strängen, die Haare symbolisieren können. Diese gezeichneten Strukturen, die sich um dieses Haupt legen, entziehen sich der bekannten Zuordnung der Gestalt eines Gesichtes und wirken dem fast entgegen. Die Merkmale des Sehsinns, des Hörsinns, des Geruchssinns oder der Mund, der den Gesichtsausdruck mitprägt, sind durch die Haltung – das Abgewandte widerspiegelt geradezu den Betrachter – und die Gestaltung dieses Hauptes unsichtbar. Die Linie, die auch einen Strang zieht, die in ihrer Länge auch Zeit verkörpern kann, lässt diese gewohnten körperlichen Merkmale aus. Der Strang bedeckt das Haupt so fast „fadenscheinig“ und Judith Maria Kleintjes bringt von der graphischen Linie durch lösendes Wasser die farbliche Qualität des Graphits zum Vorscheinen. Dieses künstlerische Mittel verleiht der Zeichnung einen farbigen Riss, eine diffuse Schattenlinie, die das Haupt fast als Delta auftauchen lässt. So potenziert die Künstlerin mit einfachsten Mitteln – Bleistift und Tinte auf Papier – die Bedeutungen ihres Werkes. Die zeichnerische Umsetzung der Inspiration, die Judith Maria Kleintjes mit der Lektüre von „brev i apri / brief im april“ von Inger Christensen erhielt, verknüpft das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, das Sein mit dem Schein. Darin öffnet sie dem Betrachter über die künstlerische Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk von Inger Christensen eine visuelle Dimension, die das Bild an die Vorstellung bindet: Das Imago, in der Bedeutung des Traumbildes, mit dem Imaginären.

Auf das Illustrative, das Erläuternde einer Bildbeigabe in den Arbeiten zu dieser Ausstellung verzichtet Judith Maria Kleintjes zugunsten ihrer eigenständigen, eigensinnigen Bildwirklichkeit, die nichts erläutern will, sondern zeigt, was ist und was sein kann. Der kongeniale Moment, in dem sich hier Kunst und Dichtung treffen, bezeichnet die Rückseitigkeit, das Hintergründige der Wirklichkeit, die die Qualität von Kunst und Dichtung ausmachen. Die Fremdsprache, die jede Dichtung ist, steht den Bildern der Phantasie, der Phantome, der Träume gegenüber. Beides zeigt die Rückseite, den Hintergrund des realen Grundes, auf dem sich die Betrachter bewegen. Die zeichnerische Qualität, die den Arbeiten von Judith Maria Kleintjes zugrunde liegt, öffnet die Nähe der Welt der Zeichen und der Buchstaben und schildert ihre Gemeinsamkeiten. Um die zeichnerische Qualität sprachlich zu verdeutlichen, ist das Reflektieren über die Bedeutung der Motive Baum, Haupt, Hand, Haar, Blüte, Blatt hilfreich. Ohne diese graphische Begabung in den Arbeiten von Judith Maria Kleintjes wären diese vielschichtigen Bezüge nicht herzustellen.

Jetzt möchte ich Assoziationsfelder zu den Gegenständen und Körperformen für die Betrachtung entstehen lassen, die das unbewusste, kollektive Gedächtnis in sich trägt, ohne es derart zu benennen. Der Begriff Blüte ließe sich mit blute, das Blühende, das Blütenende, das Blutende in Verbindung setzen und gäbe somit der botanischen Vorlage einen geradezu körperlichen Ausdruck. Das Höhere, wie die Gewalt, ist im Orient dem Wort für Blume entlehnt. Im Fremdwort spiegelt sich die Flora in der Defloration.

Der Baum, den Judith Maria Kleintjes besonders in ihrer Malerei künstlerisch reflektiert, wird beispielsweise als Holzgewächs mit einfachem Stamm und einer Krone bezeichnet. Die Künstlerin zeigt jedoch nur den Stamm als Ausschnitt eines Baumes, der so auch Säule oder Strang, Haarstrang sein könnte. An die Verflechtung Baum und Stammbaum im Deutschen, auch dass der Bau im Baum steckt, also auch Körperbau, sei hier erinnert. Im Englischen wie Norwegischen bildet die Zahl Drei einen Bezug zum Baum, an die Buchenstäbe wird hier verwiesen. Im Türkischen ist der Begriff für Baum teilbar in die Worte für Netz und Hunger. Im Hebräischen steckt das Wort für Hirsch im Wort für Baum, und Geweih und Geäst bekämen eine wahrnehmbare Entsprechung. In der griechischen Mythologie gibt es zwei Frauenfiguren, Daphne und Smyrna, die die Metamorphose vollziehen, die Wandlung vom Menschen zum Baum.

Der Kopf, der immer wieder als Motiv in den Zeichnungen auftaucht, wird als erstes bei einer Geburt sichtbar, hierbei auch erstaunlich die Benennung des Kopfes im Wort für Neujahr (also Kopfjahr) wiederum in der hebräischen Sprache. Haupt in der deutschen Sprache erfährt eine besondere Kennzeichnung durch Oberhaupt, Hinterhaupt und überhaupt wie hauptsächlich. Im Französischen steckt beispielhaft das Wort für Kopf in der Bezeichnung für Aststumpf.

Die Idee des Haars, das fadenförmige Oberhautgebilde, das der Mensch wechseln kann, das Haar ist dehnbar mit Belastungen von 150-180 Gramm. Etymologisch ist das Haar aus Borste, (Tier-) Haar und Wolle, sowie (nicht zubereiteter) Flachs, weiter zu kämmen, abstreifen, Haarflechte, Kamm und Werg (Das diese Begrifflichkeit auf das Eindringlichste Judith Maria Kleintjes’ graphische Arbeit zu ihrer Objektkunst, der dreidimensionalen Zeichnung erweitert). Weiter taucht das Haar in Redensarten wie folgt auf: Die haarige Angelegenheit, um Haaresbreite, niemandem ein Haar krümmen können, sich in die Haare kriegen, aufs Haar übereinstimmen (Original und Fälschung), um ein Haar. Im Hebräischen besteht das Wort für Haar und das Wort für Tor, Pforte, sowie Titelblatt und Teil eines Buches aus derselben Buchstabenwurzel. Im Französischen spiegelt sich die Bedeutung des Pferdes über die Auffächerung zu behaart, (lang-) haarig, auch botanisch Haar, (Wurzel-)Bart, Kopfhaut, (Kopf-)Haar, Haarwuchs, Schweif eines Kometen. Das Blonde des Flachs wirkt wie ein wunderbares Gegenteil zu den türkischen Wortbedeutungen, wo Eisen-, und Schwarzblech, Fransen, das Zerstreute, das Zerzauste, in Unordnung gebrachte daraus leuchtet.

In den sprachlichen Beispielen, die wiederum Verweise zu der Dichterin Inger Christensen bilden,  spiegelt sich wörtlich wieder, was die Künstlerin Judith Maria Kleintjes in ihrer künstlerischen Forschung generell antreibt: Die Form, die sich auf inneren und äußeren Erfahrungen begründet, soll über die künstlerische Gestaltung zur Unmittelbarkeit zurückfinden. Die Wirklichkeit des Rückseitigen, Hintergründigen, Schattenseitigen wird sichtbar, die besonders im digitalen Zeitalter zunehmend dem Bewusstsein entschwindet, bzw. entschwunden ist. Die Erfahrung der Unbeständigkeit spiegelt sich auf ihrer künstlerischen Ebene wieder: Was hat Bedeutung, was hat an Bedeutung verloren und wie sieht die Wirklichkeit des Unlogischen aus. Judith Maria Kleintjes nimmt sich die formbildenden wie formauflösenden Kräfte der Natur zum Vorbild, auch als Sinnbild eines überwirklichen, surrealen Geschehens. Die Andeutungen und Spuren von Erinnerungen, – somit von Wirklichem –, die die Arbeiten von Judith Maria Kleintjes aufweisen, verweigern in ihrer Offenheit jegliche Eindeutigkeit. Die Fragwürdigkeit der Dinge beantwortet die Künstlerin mit dem Hauptaugenmerk, das sie auf ihre Motive legt: Der Ausschnitt, die Teilansicht individualisiert geradezu das Gesehene, das Geschehene, das Gezeichnete wie Gemalte: Die Provokation, der Widerspruch, den das Individualisierte wörtlich beinhaltet: Das die Zweiheit bildende zu teilen, in Teil und Gegenteil. Einer sieht was, was der andere nicht sieht, und das ist.